Die Sage von Haniel und Esegir

Der Deister
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Die Sage von Haniel und Esegir führt uns zurück in die Zeit der Riesen und gibt Auskunft über die Entstehung der Teufelskanzel.

Einige tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung hat es zwischen der heutigen Stadt Bad Münder und dem Ort Hamelspringe ein Dorf gegeben, dessen Name und Lage längst vergessen und vergangen ist. Dort hat ein arbeitsamer und rechtschaffener Bauer mit seiner Frau gelebt. Die hatten zwei Söhne und zwei Töchter. Das jüngste Kind, ein Sohn, gedieh zum Stolz und zur Freude der Eltern überaus prächtig. Sie nannten ihn "Esegir", was so viel bedeutet wie "er kann kräftig zupacken". Doch bald wandelte sich die Freude der Eltern in Entsetzen, denn der Knabe wuchs über alle Maßen, somit war auch sein Hunger unmäßig. So ging es sechzehn Jahre. Esegir wuchs zu hünenhafter Gestalt heran. Da kam große Not über das ganze Land. Wochenlanger Regen und schlimme Hagelschläge verdarben die Frucht auf den Feldern, die Menschen litten schweren Hunger. Von ingrimmigem Hunger gepeinigt, drang Esegir in die Speisekammer ein. Als er gerade begann, die kargen Vorräte in sich hineinzuschlingen, kam sein Vater darauf zu und versuchte ihn wegzuziehen. Voller Enttäuschung, Wut und Scham schlug der Sohn den Vater mit einem mächtigen Fausthieb nieder. Der Vater, von dem furchtbaren Schlag getroffen, sank leblos zu Boden. Esegir stürzte, von blindem Entsetzen gepackt, nach draußen, hastete dem Walde zu und ward von da an nie wieder gesehen. Er hauste von nun am im wilden Süntelgebirge.

Etwa zur gleichen Zeit wuchs in einem anderen Dorf, das zwischen den heutigen Gemeinden Eimbeckhausen und Messenkamp lag und heute ebenfalls verschollen ist, ein Junge auf, den die Dorfbewohner "Haniel" nannten. Dieser Name bedeutet "von riesenhaftem Wuchs". Er hatte weder Eltern noch sonstige Anverwandte, sondern war vor Jahren von Umherziehenden zurückgelassen worden. Als die große Hungersnot ausbrach, wurden ihm die Türen versperrt, und so trollte er sich, von Hunger und tiefer Einsamkeit getrieben dem nahen Deister zu. Auch ihn sahen die Menschen nie wieder. Er hauste nun im wilden Deisterwald.

Da trieb eines Tages ein schrecklich tobender Sturm aus Westen den Zweig einer wundersamen Pflanze in den Deister. Er war mit grün glänzenden Blättern und leuchtend roten Beeren besetzt. Haniel fand diesen Zweig. Er entsann sich, daß die Leute aus seinem Deisterdorf den Strauch, von dem dieser Zweig stammte, "Hülse" nannten. Die Menschen schmückten gern damit ihre Wohnräume im Winter. Um ein Mädchen zu beeindrucken das am Deisterrand Ziegen und Rinder hütete entschloß sich Haniel in den Süntel zu gehen um sich mit den Zweigen zu schmücken.

Teufelskanzel Sage

Eines Abends stapfte er los und fand bald, was er suchte. Plötzlich hörte er ein furchtbares Poltern und Grollen, ein wüstes Brüllen und Fluchen. Esegir, mit fliegendem rotem Haar, stampfte in schäumender Wut heran, ergriff einen riesigen Felsstein und schleuderte ihn auf den Hülsendieb. Haniel floh in höchstem Schrecken. Doch Esegir folgte ihm und schleuderte Stein auf Stein nach ihm. Als sich Haniel ein wenig von seinem Schrecken und von den Schmerzen erholt hatte, machte er sich auf zum Deisterkamm. Er beschloß, dem Süntelriesen seinen Angriff heimzuzahlen. Er ergriff ein paar Felssteine und schleuderte sie mit ungeheurer Wucht in den Süntel. Aber Esegir, in seiner unbändigen Wut, schleuderte seinerseits Stein auf Stein gegen den Deister. Die Schlacht tobte tage- und nächtelang. Die Menschen in den Dörfern, zutiefst erschrocken ob der tobenden Riesen, hatten sich in ihre Häuser geflüchtet, und auch das Mädchen hatte sich mit seinen Eltern versteckt.

Haniel merkte bald, daß sein Mädchen nicht mehr erschien. Da geriet er so in Wut, daß er ein paar Felsbrocken aufhob, in Richtung auf den Süntel vordrang und die Brocken mit großer Wucht abschleuderte. Esegir, der darauf nur gewartet hatte, hob auch einen riesigen Felsbrocken auf, wuchtete ihn bis ins Tal und schleuderte ihn dem flüchtenden Haniel nach. Der war inzwischen fast auf dem Kamm angelangt, da traf ihn der Felsen voll in den mächtigen Rücken, so daß er besinnungslos niedersank und bald darauf starb. Unterhalb des Nordmannsturms liegt dieser Brocken heute noch. Er wird die "Teufelskanzel" genannt. Um herum fielen noch viele andere der Steine, die Esegir gegen Haniel geschleudert hatte. Haniel aber hört man noch heute klagen und stöhnen, weit über seinen Tod hinaus.

Quelle: "Der Söltjer" von Wolfgang Schiefer