Der Weiße Hirsch vom Hohenstein

Der Süntel
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Oben auf dem Hohenstein im Süntel hat der Weiße Hirsch seine Behausung. Zwischen seinem Geweih stößt ein schwarzes Einhorn drohend hervor. Ein Hirte, der an jenem Berge seine Kühe weiden ließ, mußte mit ansehen, wie ihm der Zauberhirsch sein bestes Rind von der Weide holte. Es sollte nämlich mit seiner Milch das weiße Hirschkalb ernähren, das der Einhorn-Hirsch in seinem Gehege aufzog. Der Kuhhirte schlich sich an jenes Waldstück heran und sah, wie das Kälbchen am Euter seiner Kuh die Milch sog, welche doch ihm gehörte. Er wollte also das Jungtier fangen und wegführen. Da trat aus dem Dickicht ein langer, hagerer Mann mit eisgrauen Haaren, der trug ein schwarzes Totenhemd am Leibe; das war mit roten Schleifen künstlich verknöpft. Seine Rechte zückte ein goldenes Schwert, die Linke ein goldenes Horn. Und wo er sein Schwert schwang, schlug aus dem Himmel ein Blitz, und wo er sein Horn bließ, rollte ein Donnerwind. Der packte den Hirten bei allen Gliedern und warf ihn auf seine Herde zurück.

Es waren noch mehr Bauern auf ihren Feldern, die eilten herbei, um dem Hirten sein Recht zu verschaffen. Mit Sensen und Gabeln rückten sie dem Hirsch zuleibe. Da bließ der Mann im Totenhemd zum anderen Male, und ein neuer Donnerwirbel hob sie alle empor bis unter die Wolken.

Der Weiße Hirsch vom Hohenstein

Dann stürzten sie zur Erde nieder und blieben zerschmettert auf jenen Felsen hängen. So waren sie denn alle tot, und kein Mensch hat jemals wieder gewagt, gegen die Geister des Berges seine Hand zu erheben.

Quelle: Die schönsten Wesersagen von Karl Paetow